Tobias Daniel M.A.

Journalismus - PR - Webdesign

Fußball-Rückblick: Meine Saisonbilanz 2022/23

Allianz-Arena in München (Quelle: Tobias Daniel M.A.)

Zugegeben - als Fan des FC Bayern München - habe ich mich über die "doppelte Meisterschaft" von Herren und Damen natürlich gefreut. Dennoch bleibt gerade bei den Männern ein fader Beigeschmack. Nicht nur, dass der elfte Titelgewinn in Folge in sportlicher Hinsicht nicht gerade verdient war. Auch die medialen Turbulenzen rund um den Rauswurf von Trainer Julian Nagelsmann oder den sportlich Verantwortlichen Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic sind ein typische Paradebeispiel für Eigen-PR, wie man es eigentlich nicht machen sollte.

Zu allem Überfluss kommt noch die Entscheidung des FCB, seine Nationalspielerinnen erst verspätet zur Vorbereitung des DFB-Teams abzustellen. "Es gab ja offenbar Vereinbarungen, die weit im Vorfeld getroffen wurden. Wenn dann eine kurzfristige Absage kommt, kann ich darüber nur den Kopf schütteln", kommentierte Nationaltorhüterin Almuth Schult gegenüber Sport1. Die Situation passe "zu den ganzen Unruhen, die bei Bayern München im Männerbereich in dieser Saison waren". Der Entschluss der Bayern sei für sie ein Zeichen, dass aktuell bei den Münchnern nicht mehr alles so laufe wie früher. "Jetzt ist in dieser Saison unheimlich viel gebröckelt, sowohl auf dem Trainerposten als auch in der Geschäftsführung".

Dass auch beim großen Konkurrenten aus Dortmund nicht alles rund lief, dürfte wohl nur ein schwacher Trost sein. Nicht nur, dass der BVB am letzten Spieltag ausgerechnet im heimischen Westfalenstadion noch gegen den 1. FSV Mainz 05 die deutsche Meisterschaft verspielt hat. Die Fans der Borussia brachten jüngst mit einer Stadion-Choreographie in der Südkurve auch Ulrich Leitermann, Vorstandschef des Sponsors Signal Iduna, gegen sich auf. Das Resultat war ein ausgewachsener Shitstorm (+), den der Versicherer erst wieder einfangen musste. Ob seine "pure Enttäuschung" über den verpassten Titelgewinn allerdings auch so echt wie die “echte Liebe” der BVB-Fans zu ihrem Klub ist, steht indes auf einem anderen Blatt.

Launische Diven am Main und der Spree

Auch kein Ruhmesblatt war allerdings auch die Trennung von Trainer Oliver Glasner bei Eintracht Frankfurt: Medienberichten zufolge soll die Führungsriege der SGE zu der Erkenntnis gelangt sein, dass mit Glasner keine vertrauensvolle Zukunft mehr möglich sei. Zugegeben: Sportlich lief die Rückrunde für die Frankfurter alles andere als zufriedenstellend. Dennoch dürfte sich der Österreicher mit dem überraschenden Triumph in UEFA Europa League 2022 seinen Platz in den Geschichtsbüchern der “launischen Diva vom Main” sicher haben.

Viel desaströser ist allerdings derzeit die Lage bei Hertha BSC: Nicht nur, dass der deutsche Meister von 1930 und 1931 bereits vorzeitig als sportlicher Absteiger aus der Bundesliga feststand. Auch wirtschaftlich steht der Hauptstadtklub vor dem Abgrund. Laut der jüngst veröffentlichten Finanzkennzahlen durch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) haben die Berliner das Geschäftsjahr 2022 mit einem Verlust von 80 Mio. Euro abgeschlossen. Auch der Einstieg des einst gefeierten Star-Investors Lars Windhorst erwies sich als Debakel: Rund 255 Mio. Euro Verlust soll ihm sein Engagement bei der Hertha eingebracht haben.

Die Konsequenz: Die US-Investmentfirma 777 Partners übernahm jüngst Windhorsts Anteile und hält damit mehr als drei Viertel der Anteile. "Wir werden ein für alle Mal in der Lage sein, den Begriff des Big City Club zu beerdigen", sagte Hertha-Präsident Kay Bernstein bei der Vorstellung des Deals und kündigte laut Spiegel Online an, man werde den “Größenwahn der vergangenen Jahre” beenden.

Notwendig wäre es jedenfalls, drohte im schlimmsten Fall auch der Entzug der Lizenz. Sportlich hätte dies den Zwangsabstieg in die viertklassige Regionalliga Nordost zur Folge. Auch wenn der Hauptstadtklub am Ende aufatmen konnte: Hertha BSC sei jedenfalls ein "Sanierungsfall - und Lehrstück dafür, dass frisches Kapital nicht immer auf den Pfad der Tugend führt, wobei in Berlin auch ganz andere Institutionen Geld mit vollen Händen ausgeben, das ihnen eigentlich nicht gehört", kommentierte die Frankfurter Rundschau.

Einen sportlichen Absturz erlebte auch der 1. FFC Turbine Potsdam: Nach 26 Jahren im Oberhaus verabschiedet sich eine der traditionsreichsten und erfolgreichsten Marken verabschiedet sich aus der Frauen-Bundesliga. Ob der Verein aus der Landeshauptstadt von Brandenburg noch mal zurückkehren wird, ist höchst fraglich. In einer Zeit, in der die etablierten Fußballvereine wie der VfL Wolfsburg, der 1. FC Köln oder gar RB Leipzig den Frauenfußball längst für sich entdeckt haben, scheint für reine Frauenfußball-Teams perspektivisch kein Platz mehr zu ein.

Misswirtschaft, Eifersüchteleien und Streitigkeiten auf Führungsebene haben ebenfalls zum Absturz der “Turbinen” beigetragen. Symptomatisch dafür war nicht nur der Umstand, dass Potsdam bereits vorzeitig als Bundesliga-Absteiger feststand. Im letzten Spiel der Saison kassierte das Team eine saftige 1:11-Klatsche gegen den neuen deutschen Damenmeister aus München.

So bleibt am Ende nur noch die SGS Essen als letzter verbliebener reiner Damen-Verein auch in der Saison 2023/24 im deutschen Frauenfußball erstklassig. Ehemalige Topteams wie die SSG 09 Bergisch Gladbach, der TSV Siegen oder der einst so ruhmreiche 1. FFC Frankfurt haben die Lizenzvereine aus der Männer-Bundesliga entweder verdrängt oder geschluckt.

Wesentlich entspannter dürfte hingegen die Stimmung in Leipzig sein: So gelang RB Leipzig der zweite DFB-Pokalsieg in Folge. Betracht man die reinen Zahlen, ist der Klub rein sportlich absolute Erfolgsgeschichte: Erst 2009 gegründet, spielen die "roten Bullen" seit 2016 in der Bundesliga. Seitdem wurde Leipzig zweimal Vizemeister (2017, 2021), und war bislang in vier Pokalendspielen (2019, 2021, 2022, 2023) vertreten.

International erreichten die Sachsen jeweils einmal das Halbfinale der UEFA Champions League (2020) und der UEFA Europa League (2022). Dennoch wird der Verein von vielen Fans als Inbegriff der Kommerzialisierung im Fußball mehrheitlich abgelehnt. Daran dürften wohl auch die sportlichen Erfolge in absehbarer Zeit nichts ändern.

Deutlich mehr Jubel gab es allerdings am Finaltag der Amateure in den Endspielen um die 21 Landespokale: Im Saarland krönte der SV Elversberg seine Saison mit dem Gewinn des Saarlandpokals. Kurz zuvor gelang dem Dorfverein als Aufsteiger der direkte Durchmarsch in die 2. Fußball-Bundesliga - und damit der größte sportliche Erfolg in der Vereinsgeschichte. Damit sind die Saarländer der 128. Verein in der Geschichte der zweithöchsten Spielklasse im deutschen Fußball.

Ein Novum der besonderen Art gelang auch dem TuS Makkabi Berlin: Mit dem Finalsieg gegen den SV Sparta Lichtenberg gelang Makkabi erstmals der Gewinn des Berliner Landespokals. Damit spielt erstmals in der deutschen Fußball-Geschichte ein jüdischer Verein im DFB-Pokal.

Frischer Wind von der Ostalb

Nicht zu vergessen ist allerdings auch der Aufstieg des 1. FC Heidenheim in die Bundesliga, den zu Saisonbeginn wohl niemand so wirklich auf der Rechnung hatte. Von ungefähr kommt der Triumph dennoch nicht: Ein wesentlicher Erfolgsgarant ist Cheftrainer Frank Schmidt, der bereits seit 2007 die sportlichen Geschicke des Vereins managt. Ergänzt wird das Ganze noch durch ein ruhiges Umfeld und eine positive Außendarstellung. Vielleicht kann sich der Branchenprimus aus München in dieser Hinsicht noch etwas bei den Heidenheimern abschauen. Als 57. Verein im deutschen Fußball-Oberhaus ist das Team von der Ostalb jedenfalls ein Gewinn.

Der ehemalige Bundesliga-Dino Hamburger SV folgt den Heidenheimern jedenfalls nicht in die höchste Spielklasse folgen wird: die Hanseaten scheiterten in der Relegation klar am VfB Stuttgart. Das Drama-Potenzial war bereits im Vorfeld enorm. Die größten Erfolge der beiden Bundesliga-Gründungsmitglieder liegen bereits lange zurück. Nachdem die Schwaben 2007 noch überraschend die deutsche Meisterschaft gewonnen hatten, folgte gleich zweimalig der Absturz in die Zweitklassigkeit.

Auch der HSV - dessen letzter Titelgewinn (DFB-Pokal 1987) bereits länger zurückliegt - spielt seit 2018 in der Zweiten Bundesliga. Den direkten Aufstieg haben die Hanseaten seitdem immer wieder knapp verpasst. Ob die Hamburger allerdings in der nächsten Spielzeit den Aufstieg schaffen und wieder an die großen sportlichen Erfolge in den 1980er-Jahren anknüpfen können, liegt am Ende in deren Hand.

Citizens im siebten Fußball-Himmel

Abstiegssorgen dürfte man hingegen in Manchester und Wolfsburg derzeit nicht haben: Während die Damen des VfL Wolfsburg gegen den FC Barcelona um den Gewinn der UEFA Women’s Champions League unterlegen waren, konnte Manchester City seinen Traum vom erstmaligen Gewinn der UEFA Champions League gegen Inter Mailand endlich perfekt machen. Das Team um Star-Trainer Pep Guardiola hat bereits die englische Meisterschaft sicher.

Mit dem Gewinn des FA Cup gegen den Stadtrivalen Manchester United ("Manchester Derby") - und dem Gewinn der UEFA Champions League haben sich die Citizens in den elitären Klub der Triple-Gewinner gesellt - ein Erfolg, den in Europa nur der FC Bayern München (2013 und 2020), der FC Barcelona (2009 und 2015), Celtic Glasgow (1967), Ajax Amsterdam (1972), der PSV Eindhoven (1988), Manchester United (1999) sowie Inter Mailand (2010) für sich beanspruchen können. Bei den Citizens dürfte dies wohl ähnliche Glücksgefühle ausgelöst haben wie der Sieg von Rekordgewinner FC Sevilla in der UEFA Europa League.

Nationalmannschaft im Krisenmodus

Von den Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird derzeit allerdings sehr viel Leidensfähigkeit vorausgesetzt. So scheiterte das DFB-Team bei der sehr umstrittenen Fußball-WM 2022 in Katar erneut in der Vorrunde. Dabei wurde das schlechte sportliche Abschneiden nur noch durch die hitzig geführte Debatte um due Regenbogen-Binde noch überschattet.

Aber auch nach der WM blieben die sportlichen Erfolge weitgehend aus: Ein Sieg, ein Unentschieden lautet seitdem die magere Bilanz von Bundestrainer Hansi Flick. So mehren sich bereits die Stimmen, den einst durchaus erfolgreichen Bayern-Trainer (Sextuple 2020) zu ersetzen.

"Hansi Flick ist die ärmste Sau. Er versucht alles, aber die Qualität ist nicht die Allergrößte, wie vielleicht noch vor ein paar Jahren. Es sind sicher ein paar Spieler dabei gewesen, die wir im September nicht mehr sehen werden", sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler kurz nach der Heimniederlage gegen Kolumbien bei RTL. Die Situation scheint nach Aussage von Nationalspieler Leon Goretzka jedenfalls "dramatisch" zu sein. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in der Sommerpause - und vor allem bis zur Europameisterschaft 2024 im eigenen Land - tragfähige Lösungen gefunden haben.

Daher sollte sich das DFB-Team ein Vorbild an der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft nehmen, die bei der Weltmeisterschaft 2023 in Finnland und Lettland mit Silber und als Vize-Weltmeister zurückgekehrt ist. Im Finale mussten sich die DEB-Cracks dem Team von Rekordweltmeister Kanada geschlagen geben.

Die DFB-Frauen können es zumindest nicht schlechter machen, wenn im Juli die Frauen-Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland stattfindet. Für Kapitänin Alexandra Popp ist die Zielrichtung jedenfalls klar: "Ich möchte den Titel holen. Wir haben die Qualität dazu." So peilt die Mannschaft unter Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht nur den dritten Stern an.

Auch finanziell könnte sich der Titelgewinn durchaus lohnen: Immerhin hat die FIFA beim bevorstehenden Turnier eine Rekordprämie von 270.000 Dollar (etwa 252.000 Euro) für jede Weltmeisterin in Aussicht gestellt hatte. Zum Vergleich: Bei dem WM 2019 in Frankreich hatte der Deutsche Fußballbund (DFB) noch 75.000 Euro in Aussicht gestellt.

Seit der Frauen-EM in England im letzten Jahr erlebt der Frauenfußball in Deutschland jedenfalls einen wahren Zuschauer-Boom. Dabei lockten nicht nur die beiden Top-Teams des VfL Wolfsburg oder des FC Bayern München mehr als 20.000 Zuschauer zu den Spielen der UEFA Women’s Champions League. Auch Vereine wie der SV Werder Bremen oder der SC Freiburg hatten ähnliche Zuschauerzahlen.

Selbst die Heimspiele der Frauen-Nationalmannschaft sind mit bis zu 33.000 Zuschauern in Nürnberg ein regelrechter Magnet geworden. "Das zeigt uns, dass wir seit der EM weiterhin begeistern können", wurde Nationalspielerin Lina Magull (FC Bayern München) jüngst in der SportBILD zitiert.

Immerhin: "Der Bundestrainer hat mir versichert, dass wir im September eine Mannschaft sehen werden, die anders auftritt als zuletzt", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf jüngst gegenüber dem Sportinformationsdienst (SID) zur aktuellen Situation beim Herren-Team. Hoffentlich wird er Recht behalten.

Die neue Saison wird jedenfalls wieder für viel brisanten Diskussions- und Zündstoff sorgen.

Veröffentlicht am 01.06.2023


 
E-Mail
Anruf
LinkedIn