Tobias Daniel M.A.

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Europas Wegbereiter: Vom ersten deutschen Kanzler zum polnischen Papst

Gründerväter der Europäischen Union

Zu den Gründervätern der EU gehört eine Gruppe von politischen Persönlichkeiten, welche zu den Vordenkern der europäischen Integration zählen und die Geschichte Europas maßgeblich geprägt haben. Dazu zählen neben dem deutschen Politiker Konrad Adenauer und dem britischen Staatsmann Winston Churchill auch der luxemburgische Staatsmann Joseph Bech, der niederländische Bankier, Politiker und Diplomat Johan Willem Beyen, der italienische Politiker Alcide De Gasperi, der französische Unternehmer Jean Monnet, der französische Staatsmann Robert Schuman, der belgische Staatsmann und Politiker Paul-Henri Spaak sowie der deutsche Jurist und Politiker Walter Hallstein.

Bei den Ehrenbürgern Europas handelt es sich um eine Auszeichnung, die von den europäischen Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat für besondere Verdienste um die Gestaltung, Zusammenarbeit und Erweiterung der Europäischen Union verliehen wird. Bislang wurden mit Jean Monet, dem deutschen Politiker Helmut Kohl und dem französischen Politiker Jacques Delors drei Personen mit diesem Titel geehrt.

Adenauer: Vater der Westintergration

"Fallen ist weder gefährlich noch eine Schande. Aber Liegenbleiben ist beides." Nach dieser zeitlebens beherzigten Devise begann der Aufstieg eines Politikers in einem Alter, in dem Karrieren in der Regel enden. Eines ist jedenfalls unumstritten: mit keinem anderen Mann ist die deutsche Nachkriegszeit so eng verknüpft wie mit Konrad Adenauer.

Während seiner Amtszeit trug der erste Bundeskanzler Deutschlands entscheidend dazu bei, dass die Bundesrepublik ihre Souveränität wiedererlangte und sich mit Frankreich aussöhnte. Gleichzeitig trug er - gemeinsam mit Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard - maßgeblich zum Aufbau der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland bei. Zugleich sorgte Adenauer dafür, dass die Bundesrepublik dauerhaft im westlichen Wirtschafts- und Verteidigungsbündnis verankert wurde. Im Blockdenken der Zeit verhaftet stellte der Kanzler jedoch auch ungewollt die Weichen für die jahrzehntelange Teilung Deutschlands. Im Gegenzug jedoch setzte Adenauer alles daran, den Aufbau Europas unablässig voranzutreiben. Damit sollte sich nicht nur die neugegründete Bundesrepublik politisch wie wirtschaftlich beruhigen und gesunden. Die wirtschaftliche Verflechtung sollte auch das Sicherheitsbedürfnis der europäischen Staaten befriedigen.

Beginn der politische Karriere in Köln

Adenauer wurde am 5. Januar 1876 als Sohn eines Beamten in Köln geboren. Gemeinsam mit drei Geschwistern wuchs er eher bescheidenen Verhältnissen auf. Als Schüler des humanistischen Apostelgymnasiums genoss Adenauer den Ruf, "guter unauffälliger Durchschnitt" zu sein. Auch sein Jurastudium absolvierte er ohne besonderen Glanz, bis er schließlich die Politik als Betätigungsfeld seiner Ambitionen entdeckte. Dass ihn dabei seine Herkunft und Erziehung als rheinische Katholik zum Zentrum - der Partei des politischen Katholizismus - führte, ist beinahe schon selbstverständlich.

Seine politische Laufbahn begann Adenauer mit der Heirat von Emma Weyer, der Tochter einer angesehenen und wohlhabenden Kölner Familie. Über diese kam er schließlich in Verbindung mit dem gesellschaftlich und politisch tonangebenden rheinischen Bürgertum. 1906 wurde Adenauer Erster Beigeordneter der Stadt Köln und damit Stellvertreter des Oberbürgermeisters. 1917 wurde er selbst einstimmig in dieses Amt gewählt. Damit war der Kölner das jüngste Stadtoberhaupt in Preußen.


Bedeutende Persönlichkeit in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik war Adenauer eine der stärksten politischen Persönlichkeiten. So machte er sich zunächst durch den Ausbau Kölns als "Metropole des Westens" einen Namen, was ihm jedoch durchaus auch Kritik einbrachte. Als "Großkotz" geschmäht und "einer der großen Diktatoren unserer Zeit" ironisiert, verhalf Adenauer seiner Geburtsstadt mit Bauten, Messen, Ausstellungen, der Anlage des Grüngürtels und der Gründung der Universität in den Rang einer "heimlichen Hauptstadt". Als solche wurde Köln bald zum Gegengewicht des verhassten Berlin.

Als Präsident des Preußischen Staatsrates gelang Adenauer zudem zwischen 1921 und 1933 auch zu überregionalem Einfluss. Wiederholt wurde er während der Regierungskrisen in der Weimarer Zeit auch als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers gehandelt. Seine republikanische Einstellung, die sich mit föderalistischen und christlich-sozialen Grundüberzeugungen verband, machte den Kölner Oberbürgermeister jedoch auch bei manchem Gegner des Weimarer "Systems" verhasst. Zudem geriet Adenauer auch immer wieder in die Nähe jener separatistischen Strömungen, die ein selbständiges Rheinland - eine "Westdeutsche Republik" - anstrebten.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 endete abrupt Adenauers Karriere als Lokalpolitiker. Aus seiner Heimatstadt Köln verbannt überlebte er die Jahre des Nazi-Terrors mit seiner Familie in seinem Haus in Rhöndorf.

Erster Kanzler der Bundesrepublik

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurde Adenauer erneut zum Kölner Oberbürgermeister berufen. Schon nach wenigen Monaten wurde er jedoch von der britischen Militärregierung entlassen, nachdem er ihre Besatzungspolitik kritisiert hatte. Kaum war das gleichzeitig ergangene Verbot der politischen Betätigung wieder aufgehoben, konzentrierte sich der nun 70-jährige Politiker auf seine Arbeit in der neugegründeten CDU. Mit seinen politischen Konzeptionen und Programmideen sowie seinen politischen Erfahrungen aus der Weimarer und NS-Zeit machte Adenauer eine parteipolitische "Blitzkarriere".

Sein Aufstieg zum charismatischen Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland und geachteten Staatsmann in der westlichen Welt ist zudem auch mit dem beginnenden Ost-West-Gegensatz und dem Beginn des Kalten Krieges zusammen. Als Präsident des 1948 geschaffenen Parlamentarischen Rates wurde Adenauer gegenüber den Ministerpräsidenten der Länder und gegenüber den Militärgouverneuren zum "Sprecher der werdenden Bundesrepublik", so der spätere Bundespräsident Theodor Heuss. Am 15. September 1949 wurde Adenauer schließlich mit einer Stimme Mehrheit - nämlich seiner eigenen - zum ersten Bundeskanzler der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland gewählt.

"Ära Adenauer"

In den folgenden 14 Jahren seiner Amtszeit verkörperte er einen Politikertyp, wie er der Mentalität eines in der Substanz schwerversehrten Landes entsprach. Allerdings war Adenauer - konträr zu seinem großen Gegenspieler Kurt Schumacher - kein dynamischer Visionär. Seine oberste politische Zielsetzung war von Anfang an die möglichst feste Einbindung der Bundesrepublik in ein westliches Bündnis mit den USA als starker Partner und Beschützer und Frankreich als Nachbarn und Freund. Diese Politik hatte jedoch auch ihren von Adenauer bereitwillig gezahlten Preis: eine Wiedervereinigung mit der DDR wurde allen Beteuerungen zum Trotz über Jahrzehnte hinweg zur Utopie.

Die Souveränität der Bundesrepublik, die Aussöhnung mit Frankreich, die europäische Einigung und der Aufstieg Deutschlands zur wirtschaftlichen Großmacht verhalfen Adenauer zu einer hohen Popularität. Ein besonderer historischer Schritt gelang Adenauer mit dem Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag von 1963 - der Grundstein des deutsch-französischen Motors für Europa.

Nach seinem Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers 1963 wurde Adenauer jedoch kaum noch als politische Kraft wahrgenommen. Als er am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren starb, wurde er weltweit als Staatsmann geehrt, dem die Deutschen Freiheit und Wohlstand verdankten.

Kurzinfo: Deutsche Bundeskanzler

Der deutsche Bundeskanzler ist gemäß der Verfassung der mächtigste Amtsträger in der Bundesrepublik, obwohl er in der protokolarischen Rangordnung Deutschlands erst an dritter Stelle steht. Als Regierungschef bestimmt er die Richtlinien der deutschen Politik und schlägt zudem gemäß Artikel 64 GG die einzelnen Bundesminister vor. Der Bundeskanzler wird vom Deutschen Bundestag für vier Jahre gewählt. Vor Ablauf der Amtsperiode kann er nur durch ein konstruktives Misstrauenvotum abgelöst werden. 

Gemäß Artikel 65 des Grundgesetzes besitzt der Bundeskanzler die Richtlinienkompetenz. Gleichzeitig gelten das Ressortprinzip und das Kollegialprinzip: Demnach leiten die Bundesminister ihre Ministerien in eigener Verantwortung; Meinungsverschiedenheiten werden zudem im Gremium geklärt. Zudem übernimmt der Bundeskanzler im Verteidigungsfall die Befehls- und Kommandogewalt vom Bundesminister für Verteidigung.

Churchill: Kriegspremier und Vordenker Europas

Er war Premierminister Großbritanniens während des Zweitens Weltkrieges und Vordenker der Vereinigten Staaten von Europa. Doch auch als Schriftsteller und Historiker machte sich Sir Winston Churchill international einen Namen. Mit seiner Vision der "Vereinigten Staaten von Europa" schuf er zudem einen Grundgedanken für die Integration Europas.

Churchill entstammte der Adelsfamilie der Herzöge von Marlborough. Von entscheidender Bedeutung für sein Leben war nicht nur das Verhältnis zu seinem Vater, dem konservativen britischen Politiker Randolph Churchill. Auch die Erziehung im Internat Harrow und in der Kadettenakademie Sandhurst waren einschneidende Erlebnisse in Churchills Jugend. So genoss er den Ruf eines hoffnungslosen Schulversagers, aber auch eines feurigen Husarenleutnants.

Dessen Kriegserlebnisse an der Nordwestgrenze Indiens, im Sudan und als Kriegsberichterstatter im Burenkrieg machten Churchill in Großbritannien bekannt. Seine abenteuerliche Flucht aus einem burischen Kriegsgefangenenlager im südafrikanischen Pretoria machten ihn auf einen Schlag zum Draufgänger und Kriegshelden.

Politische Karriere


Im Triumphzug zog Churchill im Jahr 1900 ins Unterhaus ein. Sein Übertritt von den Konservativen zu den Liberalen brachte ihm zwar die Feindschaft der konservativen Adelsklasse ein. Doch damit begann auch seine steile Karriere als Politiker. Nachdem er 1908 zum Handels- und 1910 zum Innenminister ernannt wurde, übernahm er schließlich von 1911 bis 1915 das Amt des Marineministers. Mit bereits 37 Jahren stand Churchill damit an der Spitze der größten Flotte der damaligen Welt, die er nach seinen Plänen modernisierte. Bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg war er von der Unausweichlichkeit eines Krieges mit Deutschlands überzeugt.

Nach einem kurzen Zwischenspiel als Frontoffizier in Frankreich wurde Churchill 1917 erneut Mitglied des Kabinetts - zunächst als Rüstungs-, später als Kriegs- und Kolonialminister. 1924 kehrte er jedoch wieder zu den Konservativen zurück und saß für diese als mächtiger Schatzkanzler auf der Regierungsbank. Weil er jedoch ein rigoroses Vorgehen gegen die Unabhängigkeitsbewegung Gandhis in Indien forderte, überwarf sich Churchill erneut mit seiner Partei.

Kriegspremier Großbritanniens

Zehn Jahre lang blieb er zur Tatenlosigkeit verdammt, während er von den alten Feinden verfemt zum Einzelgänger geworden war. Dennoch wurde Churchill zu einem unbeugsamen Kritiker der britischen Appeasement-Politik gegenüber Hitler in den dreißiger Jahren. Als dieser jedoch 1939 den Kriegsfunken in Europa entzündete, wurde der Politiker Churchill rehabilitiert und als Marineminister ins Kabinett zurückgeholt. Am 10. Mai 1940 übernahm er schließlich das Amt des britischen Premierministers - sein Ziel: ein Sieg um jeden Preis. Sein unerbittlicher Kampfeswille und seine Siegeszuversicht machten Churchill zwar bei den Briten sehr beliebt. Allerdings wurde ihm von seinen Kritikern - oftmals zurecht - vorgeworfen, dass er über die Kriegsführung die Probleme der Nachkriegsregelung vernachlässigte.

Im Juli 1945 - in der Stunde des militärischen Triumphs über das nationalsozialistische Deutschland - wurde seine Regierung jedoch abgewählt. Viele Briten misstrauten dem Kriegspremier, die sozialen Probleme nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu lösen. Als konservativer Oppositionspolitiker lieferte Churchill jedoch wesentliche Denkanstöße zur Gründung des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses und des Europagedankens. Seine Vision der "Vereinigten Staaten von Europa" - skizziert in seiner Züricher Rede am 19. September 1946 - sollte ein erster Schritt zur Gründung des Europarates sein. Unter diesem Begriff verstand Churchill eine Union aller beitrittswilligen Staaten Europas unter der Führung Frankreichs und Deutschlands. Diese Union sollte jedoch keineswegs die bestehende Staatenordnung des Kontinents ablösen. Vielmehr stellte er sich darunter ein Gebilde vor, in dem alle europäischen Völker in den Genuss von Menschenrechten und Demokratie kommen sollten.

Inzwischen 76-jährig übernahm Churchill 1951 noch einmal für vier Jahre das Amt des Premierministers. Aus dem Krieger war mittlerweile jedoch ein Staatsmann geworden, der klar für eine Versöhnung zwischen Siegern und Besiegten eintrat. 1956 erhielt Churchill daher für seine Verdienste um den Europagedanken auch den Karlspreis der Stadt Aachen. Am 24. Januar 1965 starb Churchill in London.

Kurzinfo: Britischer Premierminister

Der britische Premierminister ist der ranghöchste Minister im Vereinigten Königreich. Er besitzt die Richtlinienkompetenz innerhalb der Regierung, ernennt die Mitglieder seines Kabinetts und koordiniert die Arbeit der Regierung. Der Premierminister wird vom britischen Monarchen ernannt, der gemäß Übereinkunft den Mehrheitsführer im britischen Unterhaus auswählt. 

Zudem kann der Premierminister zwar auch vom Monarchen entlassen werden: In der Praxis geschieht dies aber nur im Falle eines Rücktritts aus persönlichen Gründen, nach einer Wahlniederlage oder bei mangelnder Unterstützung im Parlament. Der führende Politiker der jeweiligen Oppositionspartei ("Führer der loyalen Opposition Ihrer Majestät") gilt in Debatten als direkter Kontrahent des Premierministers und potenzieller Nachfolger. 

Das Amt des Premierministers entspringt dem Amt des Ersten Lords des Schatzamtes; erstmals bekleidet wurde es von Sir Robert Walpole (1721-1742). Amtssitz des britischen Premierministers ist 10 Downing Street.


De Gaulle und sein "Europa der Vaterländer"

War Charles de Gaulle ein Gegner Europas? Viel wurde behauptet über seinen vermeintlichen Widerstand gegen den europäischen Integrationsprozess. Allerdings wurde auch das Gegenteil behauptet. Eines gilt jedenfalls als sicher: als de Gaulle 1958 wieder an die Macht kam, gab es große Befürchtungen in Frankreich und bei den europäischen Nachbarn, dass der General die Römischen Verträge wieder in Frage stellen würde. Sie erinnerten sich an seine früheren Stellungnahmen, die nicht gerade europafreundlich gewesen waren.

Unkonventioneller Militärdenker

De Gaulle wurde am 22. November 1890 in Lille geboren. Während seiner Ausbildung an der Kriegsschule von Saint-Cyr zeichnete er sich vor allem durch unkonventionelles militärisches Denken und Selbstbewusstsein aus. Im Ersten Weltkrieg kämpfte de Gaulle als junger Leutnant unter Oberst Philippe Pétain - seinem späteren politischen Gegenspieler - in Verdun. Nach dem Krieg stieg de Gaulle in der militärischen Hierarchie weiter auf. Als Militärschriftsteller machte er sich besonders durch unbequeme Neuerungsvorschläge einen Namen.

Widerstand gegen Hitler

Nach der Kapitulation Frankreichs am 18. Juni 1940 ging de Gaulle - inzwischen Brigadegeneral - ins englische Exil und rief die Franzosen dazu auf, den Widerstand von den Kolonien aus fortzusetzen. Besonders leicht hatte er es jedoch nicht, da er zwar von der Bedeutung seiner Rolle als Symbolfigur des französischen Widerstandes überzeugt war. Allerdings verfügte er nicht über die Macht, um dieser Rolle auch gerecht zu werden. 1944 wurde de Gaulle schließlich Chef der provisorischen Regierung Frankreichs und Ende 1945 vorübergehend auch Staatsoberhaupt. Erst als Frankreich durch die Politik in Algerien 1958 in eine schwere Krise geriet, wurde de Gaulle erneut Staatspräsident. Mit einer neuen Verfassung schuf er die 5. Republik, deren Präsident er bis 1969 blieb.

Politische Weltanschauungen

Während seiner gesamten politischen Laufbahn war de Gaulle der Überzeugung, dass die Rivalität nationaler Interessen und nicht politische Ideologien die internationale Politik geprägt werde. Daher war seine Außenpolitik auch frei von ideologischer Blockdisziplin. Seine Leitlinien waren daher:

  • beide Blöcke abzulehnen;
  • sein Misstrauen gegenüber Überstaatlichkeit und Integrationsprozessen auszudrücken;
  • Frankreich in der internationalen Rangordnung so hoch wie möglich positionieren.

Aus dieser Grundhaltung heraus ist auch de Gaulles Europapolitik zu verstehen. So sollte Europa ein Europa der Staaten bzw. der "Vaterländer" bleiben. Die EWG war für ihn nur eine reine Wirtschaftsgemeinschaft. Die politische Kooperation - wie sie in den Römischen Verträgen festgehalten wurde - durfte daher nicht zu einer Überstaatlichkeit führen. Vielmehr schlug er neue Gremien zwischen den Regierungen vor, wie zum Beispiel ein Gipfel der Regierungschefs alle drei Monate und Ministerkonferenzen.

In diesem Europa der Staaten spielte die Bundesrepublik für de Gaulle eine besondere Rolle. Für ihn war sie neben Frankreich eine Säule des europäischen Hauses. "Im übrigen erfordert die Einheit Europas, dass das deutsche und das französische Volk untereinander sich in rein praktischer Hinsicht über ein gemeinsames Vorgehen geeinigt haben", sagte de Gaulle bereits 1950. 

Vereint wären beide Staaten in der Lage, auch eine politische Basis zu bauen, auf der alle Völker Europas ihre "Einheit erbauen könnten". Daher gehört es auch zu de Gaulles herausragenden Verdiensten, das deutsch-französische Verhältnis - gemeinsam mit Konrad Adenauer - neu zu gestalten. Nach den Unruhen von 1968 zog er sich jedoch resigniert zurück. Am 9. November 1970 starb de Gaulle in Colombeyles-deux-Églises.

Kurzinfo: Staatspräsident von Frankreich

Der französische Staatspräsident stellt im Vergleich zu anderen parlamentarischen Systemen eine Ausnahme dar: Im Gegensatz zu anderen Präsidenten mit weitgehend repräsentativen Aufgaben verfügt er über weitreichende politische Befugnisse. Seit 1962 wird der französische Staatspräsident jeweils für fünf Jahre direkt vom Volk gewählt. Kandidieren dürfen alle französischen Staatsbürger, die mindestens 23 Jahre alt sind. 

Der Staatspräsident darf die Nationalversammlung auflösen und hat in den Sitzungen des Ministerrates Vorsitz inne. Er ernennt zudem den Premierminister, der allerdings dem Parlament verantwortlich ist. Er kann weitere Beratungen über bereits verabschiedete Gesetze erzwingen und Volksentscheide durchführen lassen. 

Zudem hat der französische Staatspräsident das Recht der Begnadigung sowie den Oberbefehl über die Streitkräfte. Zudem kann der Staatspräsident nur bei Hochverrat oder wegen Verhaltens, das das "offensichtlich unvereinbar mit seiner Amtsausübung" ist, abgewählt werden. Außerdem muss er keine Rechenschaft über sein Budget abgeben. 

Der Staatspräsident von Frankreich ist vom Amts wegen ("ex officio") neben dem Bischof von Urgell auch einer der beiden Ko-Fürsten des Fürstentums Andorra. Im Falle seines Rücktritts oder Todes gehen die Amtsgeschäfte vorübergehend auf den Präsidenten des französischen Senats über.

Der Karlspreis auf Pilgerfahrt

Sein Wort hat auf der Großbaustelle Europa schon lange große Bedeutung. Als Visionär eines ungeteilten christlichen Kontinents hatte er besonderen Anteil daran, dass der Eiserne Vorhang fiel. Für seine Verdienste um den europäischen Einigungsprozess wurde Papst Johannes Paul II. nun mit dem ersten außerordentlichen Karlspreis von Aachen geehrt.

Mit dieser Auszeichnung sollte das Oberhaupt der katholischen Kirche für seine Verdienste um "die Einheit Europas, die Wahrung seiner und die Botschaft des Friedens" geehrt werden. Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden überreichte den Preis in einer Zeremonie im Vatikan. In seiner Laudatio betonte Linden, der Papst verkörpere wie keine andere Persönlichkeit die europäischen Werte von Gleichheit und Brüderlichkeit. Er lebe die europäischen Werte in herausgehobener Weise hervor und trete für die Unantastbarkeit der Menschenrechte sowie für die Unzerbrechlichkeit des Friedens ein.

Neben seinen Verdiensten um den europäischen Einigungsprozess sollte Johannes Paul II. auch für sein Engagement als Brückenbauer zwischen den Konfessionen ausgezeichnet werden. So heißt es in der Begründung der Aachener Karlsstiftung, "dass eine multikulturelle Gesellschaft nicht ohne gemeinsame Konstanten, ohne Richtpunkte und -werte auskommen kann". Dabei ließ sich die Jury offenbar nicht von der dogmatischen Haltung des Papstes bei der Empfängnisverhütung und der Gleichberechtigung von Frauen in Kirchenämtern beeindrucken.

Auf Deutsch skizzierte Johannes Paul II. in seiner Dankesrede seine Vision für die Zukunft eines geeinten Europa - nämlich eines ohne "selbstsüchtige Nationalismen", in dem die Nationen als lebendige Zentren kulturellen Reichtums wahrgenommen würden. Zudem sprach er von einem Europa, in dem sich die "großen Errungenschaften der Wissenschaften, Wirtschaft und des sozialen Wohlergehens" nicht auf einen "sinnentleerten Konsumismus" richteten. "Möge Europa, das in seiner Geschichte so viele blutige Kriege hat erleiden müssen, ein tätiger Faktor des Friedens in Europa sein", so der Papst.

Steile kirchliche Karriere

Als Karol Wojtyla wurde Johannes Paul II. am 18. Mai 1920 in Wadowice südwestlich von Krakau als Sohn eines Schneidermeisters geboren. Nach seinem Abitur 1938 begann Wojtyla mit dem Studium der polnischen Philologie und der Philosophie, dass er jedoch ein Jahr später wegen des Einmarschs deutscher Truppen in Polen unterbrechen musste. Im Herbst 1942 trat der spätere Pontifex dem Priesterseminar des Bistums Krakau bei. Um sein Studium zu finanzieren, verdingte er sich als Arbeiter in einem Steinbruch.

Am 1. November 1946 wurde Wojtyla schließlich zum Priester geweiht. Zwölf Jahre später - im Jahre 1958 - wurde er zum Weihbischof von Krakau ernannt. Sechs Jahre später wurde er Erzbischof der zweitwichtigsten Diözese in Polen. 1967 wurde Wojtyla zum Kardinal ernannt. Am 16. Oktober 1978 wurde er schließlich zum neuen Papst gewählt. Damit wurde der Pole der erste nichtitalienische Papst seit viereinhalb Jahrhunderten.

Dank seiner nahezu schon beispiellosen moralischen Autorität und der Dauer seines Pontifikats hat Johannes Paul II. inzwischen jenen Grad an Zeitlosigkeit erreicht, der historischen Persönlichkeiten gebührt. Im März 2004 wurde sein Pontifikat zum drittlängsten in der zweitausendjährigen Geschichte des Papsttums. Beobachtern, die schon seit Jahren über ein baldiges Ende seiner Amtszeit munkeln strafte der Papst bislang Lügen.

Dialog zwischen den Konfessionen

Im Vergleich zu seinen Vorgängern versteht Johannes Paul II. sein Amt durchaus politischer. In einer von Terrorismus und Radikalisierung im Namen der Religion geprägten Entwicklung der letzten Jahre wurde ein Grundanliegen des Papstes aktueller denn je: der Dialog zwischen den Konfessionen.

So betete er als erstes katholisches Oberhaupt in einer jüdischen Synagoge und in einer islamischen Moschee. Er entschuldigte sich bei den Moslems für die Kreuzzüge und bei den Juden für deren Verfolgung. Auch den Irak-Krieg verurteilte er unverblümt. Darüber hinaus suchte Johannes Paul II. die Jahrhunderte alte Spaltung zwischen Katholiken und Orthodoxen durch die Rückbesinnung auf die Einheit des Christentums zu überwinden.

Innerkirchlicher Hardliner

Kirchenpolitisch wich der Pontifex jedoch nicht von seinen strengen moraltheologischen Leitlinien ab. Ganz gleich, ob es um die Lockerung des Zölibats, die Priesterweihe der Frau, die Homosexualität oder die Verhütung und Abtreibung geht - Johannes Paul II. vertritt unbeirrt einen streng konservativen, manchmal auch dogmatischen Kurs. Auch bei vielen Katholiken stößt dessen Haltung auf Kritik.

An den jungen sportlichen Papst knüpften sich jedoch zunächst viele Hoffnungen. Schnell entwickelte Johannes Paul II. seinen eigenen Stil: weg vom Pomp und hin zum Kontakt mit den einfachen Menschen. Die Hoffnungen auf einen liberalen und modernen Papst haben sich nicht erfüllt, was viele Gläubige und Würdenträger bedauern. Innerkirchlich wurde der "Jugendpapst" mit zunehmendem Alter immer konservativer.

Viele Katholiken warfen dem treuen Marienverehrer vor, die gesellschaftlichen Realitäten zu verkennen. Und der papstkritische Schweizer Theologe Hans Küng etwa hielt Johannes Paul II. zwar positive Aspekte zugute, wertete dessen Pontifikat letztlich aber als "Desaster für die katholische Kirche". In den letzten Jahren seines Pontifikats war Johannes Paul II. durch die Parkinson-Krankheit zunehmend in seiner Amtsführung eingeschränkt, bis er schließlich am 2. April 2005 verstarb.

Schnellste Seligsprechung  der Neuzeit

Bereits kurz nach seinem Tod skandierten viele Gläubige auf dem Petersplatz "Santo Subito" - die sofortige Heiligsprechung. Das Kirchenrecht sah jedoch vor, den Prozess der Seligsprechung erst fünf Jahre nach dem Tod einzuleiten. Doch schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt setzte Papst Benedikt XVI. diese Regel außer Kraft und leitete den Prozess sofort ein. Bei diesem Verfahren muss geprüft werden, ob der künftige Selige im "Ruf der Heiligkeit" stehe, was bei Johannes Paul II. schon zu Lebzeiten galt.

Darüber hinaus wird ein Wunder verlangt, das auf Fürsprache des Verstorbenen hin bewirkt wurde. Im Falle Wojtylas war dies die unerklärliche Heilung der französischen Nonne Marie Simon-Pierre. Diese war an Parkinson erkrankt und wandte sich in ihrem Gebet an Johannes Paul II., worauf hin eine spürbare gesundheitliche Verbesserung eintrat. Experten des Vatikan und unabhängige Ärzte untersuchten den Fall und bestätigten schließlich eine rational nicht erklärbare Heilung der Nonne.

Am 1. Mai 2011 wurde Johannes Paul II. schließlich - sechs Jahre nach seinem Tod - seliggesprochen. Etwa 80.000 Gläubige verfolgten die Seligsprechung auf dem Petersplatz in Rom - darunter etwa 90 hochrangige Delegationen aus aller Welt, 16 Präsidenten und Vertreter aus fünf Königshäusern. Aus Deutschland reiste Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nach Rom. Selbst im Süden Warschaus bejubelten Hunderttausende polnische Katholiken die Seligsprechung ihres Papstes. Am 27. April 2014 wurde er gemeinsam mit seinem Amtsvorgänger Johannes XXIII. heiliggesprochen.

Kurzinfo: Internationaler Karlspreis

Seit 1950 wird der "Internationale Karlspreis zu Aachen" alljährlich am Himmelfahrtstag für die beste Leistung im Dienst der Verständigung und der internationalen Zusammenarbeit in Europa verliehen. Der Preis besteht aus einer Urkunde und einer Medaille, die an einem Band in den Aachener Stadtfarben schwarz-gelb getragen wird. Zudem ist er mit 5.000 Euro dotiert. Nach dem Willen der Stifter kann der Preis nur in Aachen überreicht werden. Der erstmals an den Papst verliehene außerordentliche Karlspreis soll eine Ausnahme bleiben.

Benannt ist die Auszeichnung nach Kaiser Karl dem Großen (768-814), der vielen als Vorbild der europäischen Einigung und Begründer der kulturellen Blüte des "alten" Europa gilt. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Konrad Adenauer, Winston Churchill, Robert Schuman, König Juan Carlos I. von Spanien und Bill Clinton. 1986 wurde mit dem Volk von Luxemburg ein eher ungewöhnlicher Preisträger auserkoren, ebenso 2002 mit dem Euro.

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