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"Die Lebensversicherer stehen zu ihren Verpflichtungen"

Jörg Asmussen (Quelle: GDV)

Ob Ukraine-Krieg, die steigende Gefahr durch Hackerangriffe, eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden oder nun der Run-off. Selten stand die Branche vor so vielen Herausforderungen auf einmal. Im exklusiven Interview mit VWheute spricht GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen darüber.

VWheute: Werfen wir zunächst einen Blick über die deutschen Grenzen hinweg: Der Krieg in der Ukraine dauert nun seit mehr als drei Monaten. Die wirtschaftlichen Folgen sind schon jetzt deutlich spürbar: hohe Inflation, steigende Energiepreise - insbesondere für Öl und Gas sowie ein steigendes Risiko von Cyberangriffen. Welche Folgen hat der Konflikt für die deutschen Versicherer?

Jörg Asmussen: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist eine menschliche Tragödie. Die wirtschaftlichen und humanitären Folgen sind weltweit heute schon gravierend - denken Sie an die Nahrungsmittelknappheit vor allem in vielen afrikanischen Staaten aufgrund ausbleibender Weizenexporte.

Vor diesem Hintergrund verblassen die ökonomischen Folgen hier bei uns, auch wenn steigende Preise und Energieknappheit sehr ernst zu nehmende Herausforderungen sind. Für die Versicherer hat der Krieg nur wenige direkte wirtschaftliche Folgen. Die weiter gestiegene Inflation macht sich allerdings auch in der Geschäftsentwicklung des Sektors bemerkbar. In der Lebensversicherung beispielsweise spüren die Unternehmen bereits die Verunsicherung der Verbraucher, die sich mehr mit steigenden Lebenshaltungskosten und weniger mit langfristiger Altersvorsorge befassen.

VWheute: Die Cyberangriffe haben während der Pandemie und dem Ukraine-Krieg weiter zugenommen. Können Sie bereits einschätzen, mit welcher Schadenbelastung die Versicherer zu rechnen haben? Droht der Branche womöglich ein finanzielles Fiasko, weil die Schadensummen durch die Decke gehen könnten? Und wie kann sich die Branche künftig besser gegen die Bedrohungen aus der virtuellen Welt wappnen?

Jörg Asmussen: Cyberangriffe auf deutsche Unternehmen aus Russland heraus könnten wahrscheinlicher werden, je länger der Krieg dauert. Stand jetzt stellen wir noch keine vermehrten Schäden in der Cyberversicherung fest. Das Risiko ist jedoch gestiegen, das gilt auch für unseren Sektor.

Der GDV ist zur IT-Sicherheitslage im ständigen Austausch mit seinen Mitgliedsunternehmen. Allerdings zählt die Versicherungswirtschaft in Deutschland zu den kritischen Infrastrukturen und war auch schon vor dem Ukraine-Krieg - wie viele andere Branchen - ständig Angriffen von Cyberkriminellen ausgesetzt. Deshalb legen wir höchste Priorität auf die Sicherheit unserer IT und gelten bezüglich der Sicherheit unserer Systeme und Anwendungen als Vorbild für andere Wirtschaftszweige.

In aller Regel bleiben Cyberangriffe auf Versicherer daher erfolg- und folgenlos. Nichtsdestotrotz kann das Risiko eines erfolgreichen Cyberangriffs auch bei bester Prävention und ständiger Verbesserung der IT-Sicherheit nicht vollständig ausgeschlossen werden.

VWheute: Aktuell gibt es auch eine öffentliche Debatte um die Frage, ob Cyber-Versicherer künftig noch Lösegelder nach Ransom-Angriffen zahlen sollen. Warum sollen diese aus Ihrer Sicht nicht verboten werden? Droht damit nicht ein mögliches "Geschäftsfeld für Cybererpresser"?

Jörg Asmussen: Cyberkriminelle werden, unabhängig von einem Verbot, weiterhin Unternehmen erpressen. Die Zahlung von Lösegeldern zu verbieten, löst also das Problem von Ransomware-Angriffen nicht. Versicherungen fördern auch nicht das Ransomware-Geschäftsmodell der Cyberkriminellen: Die Übernahme von Lösegeldzahlungen ist keineswegs die Regel, sondern die Ausnahme.

Zwar bieten Versicherer die Deckung von Lösegeldzahlungen an, aber auch hier stehen im Schadenfall Zahlungen für IT-Forensik, die Wiederherstellung der Systeme und eine schnelle Rückkehr zum Normalbetrieb im Fokus. Lösegeldzahlungen können lediglich als Ultima Ratio zulässig sein, um Schäden zu mindern.

VWheute: Blicken wir auf die Lebensversicherung: Momentan rückt die Debatte um einen Run-off wieder stärker in den Fokus - Hintergrund sind der Teilverkauf der Zurich Deutschland und der Axa Deutschland. Die Ergo sieht bereits 90 Prozent des Lebengeschäfts in Deutschland im Run-off. Wird die Lebensversicherung bald zum Auslaufmodell für die klassischen Versicherer?

Jörg Asmussen: Ein Bestandsverkauf - der streng von der BaFin überwacht wird - bietet Chancen für Versicherer und Kunden und Kundinnen. Eine spezialisierte Plattform kann Synergien nutzen, wenn mehrere kleine Bestände zu einem großen zusammengeführt werden. Abgebende Unternehmen erhalten mehr Spielraum für ihren künftigen Auftritt am Markt. Und die Kundinnen und Kunden können von niedrigeren Kosten profitieren. In jedem Fall gilt: Die Lebensversicherer stehen zu ihren Verpflichtungen. Die geschlossenen Verträge werden erfüllt, die garantierten Leistungen werden erbracht.

VWheute: Ein großes Problem der Lebensversicherer waren in den letzten Jahren die niedrigen Zinsen. Nun scheint sich das Blatt zu wenden, die Notenbanken setzen wieder auf einen höheren Leitzins: Was bedeutet dies für die Branche? Die EZB will ihren Leitzins auf 0,25 Prozent erhöhen: Wie bewerten Sie diesen Schritt und was erwarten Sie konkret von der europäischen Notenbank?

Die Zinswende ist am Kapitalmarkt längst vollzogen. Die Renditen von Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind zwischenzeitlich auf bis 1,8 Prozent gestiegen und liegen zurzeit bei 1,1 Prozent. Für die Lebensversicherer bedeutet dies eine Entlastung: Die Zinszusatzreserve dürfte in diesem Jahr ausfinanziert sein, und die Solvenzquoten sind bereits zum Jahresende 2021 deutlich gestiegen.

Vor dem Hintergrund deutlich steigender Zinsen überprüfen die Versicherer ihre Investmentstrategien. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir allerdings von keinen großen Änderungen bei der Allokation aus.

Die EZB sollte ihren angekündigten Kurs der geldpolitischen Straffung rasch umsetzen. Diese Straffung kommt spät, ist aber richtig. Es ist ein Drahtseilakt zwischen dem Brechen der Inflationserwartungen und dem Risiko, eine durch Pandemiefolgen gestörte Lieferketten und indirekte Kriegswirkungen geschwächte Wirtschaft der Eurozone in die Rezession zu drücken und zugleich eine weitere Fragmentierung der Eurozone zu verhindern. Ich denke, die Inflationsdaten würden eine erste Zinserhöhung um 50 Basispunkte bereits jetzt im Juli rechtfertigen.

VWheute: Bafin-Exekutivdirektor Frank Grund sorgte jüngst mit seinem Vorstoß eines Provisionsrichtwertes für blankes Entsetzen: Droht den Versicherern nun ein Provisionsdeckel durch die Hintertür? Sollten die Versicherer nicht stärker auf Transparenz bei den Provisionen setzen? Und wäre eine Honorarberatung nicht eine mögliche Alternative?

Jörg Asmussen: Für manche Menschen ist die Honorarberatung die richtige Lösung. Die meisten Menschen in Deutschland wenden sich allerdings an Vermittler, die Provisionen bekommen. Viele tun das, weil sie sich Honorare nicht leisten können oder wollen. Zahlreiche Menschen kaufen Versicherungen auch direkt beim Versicherer. Wichtig ist, dass die Wahl möglich ist. Deshalb machen wir uns für die Koexistenz der Vergütungsmodelle stark. Was den Provisionsrichtwert angeht: Im August werden wir sehen, was sich die Bafin konkret vorstellt. Wir werden uns dann fundiert in den Diskurs einbringen.

VWheute: Vermeintlich überbordende Regulierung ist einer der Hauptkritikpunkte der deutschen Versicherer. Wie viel Regulierung verträgt aus Ihrer Sicht die deutsche Versicherungsbranche? Und welche Anforderungen sieht der GDV mit Blick auf den aktuellen Solvency-II-Review?

Jörg Asmussen: Uns ist wichtig, die Risikoorientierung zu stärken. Wir unterstützen jede Regulierung, die tatsächlich bestehende Risiken angemessen adressiert. Das ist nicht bei jedem Vorschlag zur Überarbeitung von Solvency II der Fall. Die von der EU-Kommission vorgelegten Änderungsvorschläge zur Zinsextrapolation würden dazu führen, dass deutsche Lebensversicherer zusätzliche Kapitalpuffer aufbauen müssten. Das Kapital fehlt dann für langfristige Investitionen, beispielsweise in nachhaltige Infrastruktur und regenerative Energieerzeugung.

Beim Thema Proportionalität, also der Anpassung des Regelwerks an unternehmensspezifische Risikoprofile, hat die Kommission einen guten Ansatz vorgeschlagen: Künftig soll es ein klar definiertes Rahmenwerk für Erleichterungen für kleinere Versicherer mit weniger komplexen Geschäftsmodellen geben. Leider schließen die Kriterien nahezu alle Versicherer in Deutschland aus, Kernproblem ist das Größenkriterium. Hier schlagen wir ein Kriterium vor, dass sich an der Größe des jeweiligen Versicherungsmarkts orientiert.

Erfreulich ist aber, dass zu beiden Themengebieten aktuell Vorschläge im Europäischen Parlament diskutiert werden, die in die richtige Richtung weisen.

VWheute: Themenwechsel: Die Flut im Ahrtal ist bereits ein Jahr vergangen. Viele Betroffenen beklagen dabei die mangelnde Unterstützung und schleppende Schadenzahlungen. Was hätte die Branche hier in den letzten Monaten besser machen können?

Jörg Asmussen: Die Flutkatastrophe 2021 war für die Versicherer mit 8,5 Milliarden Euro versicherten Schäden die größte Naturkatastrophe aller Zeiten in Deutschland. Drei Viertel der versicherten Schäden sind mittlerweile vollständig reguliert. In den noch offenen Fällen haben Versicherte vielfach große Teile des Schadens bereits ersetzt bekommen. Vor diesem Hintergrund ziehen wir insgesamt eine positive Bilanz der Schadenregulierung.

Die größte Herausforderung für die weitere Schadenregulierung bleiben gestörte Lieferketten und damit Materialengpässe - vor allem jedoch der Handwerkermangel. Und: Versicherer bezahlen erst, wenn auch die Rechnungen vorliegen. Damit tragen sie in vollem Umfang das Inflationsrisiko.

VWheute: "Bernd" zählt zu den teuersten Schadenereignissen in der Geschichte der Versicherer. Der Klimawandel schreitet dennoch weiter voran: Drohen solche Naturereignisse zur Normalität zu werden? Was bedeutet dies für die Versicherer und wo sehen Sie die Politik in der Pflicht? Ist eine Pflichtversicherung für Elementarschäden, wie sie derzeit angedacht wird, der richtige Weg? Wie können die Verbraucher von einem Abschluss einer entsprechenden Police besser überzeugt werden?

Jörg Asmussen: Die Flutkatastrophe 2021 hinterlässt neben enormen Sachschäden vor allem viel menschliches Leid. Diesem Leid kann man nicht mit Geld aus einer Versicherung begegnen. Wir müssten uns viel mehr um Klimafolgenanpassung und Prävention kümmern, um Menschenleben und Sachwerte zu schützen.

Allerdings erleben wir derzeit das Gegenteil. "Rascher Wiederaufbau" und Verweis auf "Bestandsschutz" mag für viele Betroffene gut klingen. Gleichzeitig wird damit aber das Fundament für künftige Katastrophen gelegt. Jeden Tag werden Gebäude in Risikogebieten - wie etwa in amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebieten - genehmigt und errichtet.

Der politische Ruf nach einer singulären Pflichtversicherung ist daher der falsche Ansatz. Das Ziel ist unstreitig: möglichst wenige Schäden durch Extremwetter. Aber wie kommen wir da hin? Unser Gesamtkonzept denkt Prävention und Klimafolgenanpassung konsequent zu Ende: Ergänzung aller Gebäudeversicherungsverträge mit einer Elementarschadenversicherung (mit Opt-Out Option für den Kunden oder die Kundin), Neubauverbote in hochwassergefährdeten Lagen, bessere bauliche Anpassungen bei Bestandsbauten und weniger Flächen-Versiegelung. Wir sind daher der Überzeugung, dass unser Gesamtkonzept das beste in der Diskussion vorliegende ist, um mit Extremwetterereignissen umzugehen.

VWheute: Kurzer Blick in den September: Wolfgang Weiler wird in wenigen Wochen als GDV-Präsident aus dem Amt scheiden. Öffentlich wird nun über Norbert Rollinger als Nachfolger spekuliert. Auch wenn der GDV sich aus derartigen Spekulationen heraushält: Was würden Sie zu einem möglichen Dreamteam mit Herrn Rollinger sagen?

Jörg Asmussen: Ich bin mir sicher, dass das GDV-Präsidium eine Präsidentin oder einen Präsidenten wählt, mit der oder dem ich im Interesse aller unserer Mitgliedsunternehmen genauso gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten werde, wie ich es heute mit Herrn Weiler tue. 

Veröffentlicht am 18.07.2022
 
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