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Journalistin Marion Gräfin Dönhoff gestorben

Quelle: Bild von Patrik Houštecký auf Pixabay

Sie war die große Dame des politischen Journalismus in Deutschland. Ihr Name stand für Toleranz, Verständigung und Versöhnung: Marion Gräfin Dönhoff. Als politische Kommentatorin, Chefredakteurin und Herausgeberin prägte die gebürtige Ostpreußin seit 1946 maßgeblich das Profil der liberalen Wochenzeitung Die Zeit. Die mit vielen Preisen und Ehrendoktorwürden ausgezeichnete Journalistin und Autorin zählte zu den renommiertesten Vertretern der deutschen Publizistik. Am frühen Morgen des 1. März 2002 starb Marion Gräfin Dönhoff nach langer Krankheit im Kreise ihrer Familien auf Schloss Crottdorf bei Friesenhagen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) würdigte Dönhoff als "unbestechliche moralische Instanz". Sie habe "zum Entstehen und Bestehen einer demokratischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik entscheidendes geleistet", schrieb der Kanzler in einem Nachruf für die neue Ausgabe der Zeit. "Wir verneigen uns vor einer europäischen Patriotin", so Schröder. Gräfin Dönhoff sei eine "unüberhörbare Stimme der Vernunft, der Demokratie und des Gemeinsinns" gewesen. 

Der ehemalige Bundeskanzler und Mitherausgeber der Zeit, Helmut Schmidt (SPD), würdigte Dönhoffs "Klarblick und ihre Zivilcourage". Sie "hielt konservativ an ihren Werten fest, zugleich war sie liberal und tolerant", schrieb er in der Online-Ausgabe der Zeit. Die Verstorbene habe "ganz anspruchslos - Führung ausgeübt, wie selten ein politischer Journalist und Autor in Deutschland", so der Ex-Kanzler. Die Deutschen hätten mit Gräfin Dönhoff "eine wegweisende Mitbürgerin verloren", so Schmidt.

Freiheit galt ihr als wichtigste Tugend

Gräfin Dönhoff stammte aus einem alten Adelsgeschlecht und wurde am 2. Dezember 1906 auf dem Familienschloss Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Ihre Erziehung war geprägt von preußisch-protestantischem Pflichtgefühl mit Tugenden wie Ehre, Verantwortung, Edelmut und Fairness. Als wichtigste galt ihr selbst aber die Freiheit, die sie nie freiwillig aufgeben wollte. "Ich bin gegen Demagogie, Dogmatik und Ideologie", sagte sie einst. Selbstbewusst, aufrichtig, meinungsstark, uneitel und sich selbst immer treu, vertrat sie ihre Positionen - auch unbequeme.

Landete "eher zufällig im Journalismus"

Nach Abschluss der Hochschulreife in Potsdam studierte "die Gräfin", wie sie von Kollegen liebevoll genannt wurde, Volkswirtschaft in Frankfurt am Main. Die "Machtergreifung" im Jahre 1933 trieb die als "rote Gräfin" bekannte Gegnerin des NS-Regimes nach Basel, wo sie 1935 promovierte. Ausgedehnte Reisen führte Gräfin Dönhoff durch Europa, Afrika und die USA, bevor sie 1938 die Verwaltung des Familiengutes in Ostpreußen übernahm. Zwischen 1940 und 1945 war sie als Kurier und Verbindungsfrau im Widerstand aktiv. Gemeinsam mit Freunden bereitete Gräfin Dönhoff das Attentat auf Adolf Hitler vor, das allerdings am 20. April 1944 scheiterte. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ostpreußen flüchtete sie zu Pferd nach Westen. Sie landete schließlich in Hamburg und - wie sie selbst sagte - "eher zufällig im Journalismus".

"Denkt nicht nur an das eigene Leben, denn jeder von uns ist für das Ganze mitverantwortlich. Die Gesellschaft kann nicht besser sein als die Summe ihrer Bürger."

Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002), Journalistin und Mitherausgeberin der deutschen Wochenzeitung Die Zeit

Vertrat zeitlebens liberale Positionen

Trotz Vertreibung sowie dem Verlust von Heimat und Besitz kannte Gräfin Dönhoff keine Gefühle von Hass. Revanchistischen Thesen setzte sie zeitlebens liberale Positionen entgegen, mit denen sie sich jedoch nicht nur Freunde machte. Ihr Interesse galt immer der Außenpolitik. So unterstützte die Journalistin von Beginn an Willy Brandts Ostpolitik, plädierte für eine Politik der Versöhnung und setzte sich aktiv für die Aussöhnung mit Polen und Russland ein. Eine Oberschule im masurischen Nikolaiken (heute: Mikolajki) trägt seit 1995 den Namen der "Hrabina" (zu deutsch: Gräfin), wie sie auch den Lehrern und Schülern dort genannt wurde.

Vorbild für Integrität

"Ein anständiges Deutschland aufzubauen, eine gute Zeitung zu machen", lautete das Credo der "Gräfin", als sie 1946 in die Hamburger Redaktion der Zeit eintrat. 1968 wurde sie Chefredakteuren, ehe sie im Dezember 1972 Herausgeberin der Wochenzeitung wurde. Auch noch im hohen Alter verbrachte sie noch mehrere Stunden an ihrem Schreibtisch im Verlagsgebäude. Vielen Journalisten galt Gräfin Dönhoff als Vorbild an Integrität. "Sie hat niemals etwas geschrieben, was sie nicht so meinte, wie sie es schrieb", urteilte einst der Verleger Gerd Bucerius anerkennend.

Auch mit ihren Büchern erreichte die Publizistin hohe Aufmerksamkeit. Ob historische Analysen des eigenen Landes oder der US-Außenpolitik - immer war ihr Blick zurück geprägt von eigenen Erfahrungen in bewegter Zeit. Neben sieben Ehrendoktorwürden wurden der umtriebigen Gräfin auch zahlreiche Preise verliehen - darunter der Theodor-Heuss-Preis 1966, der Heinrich-Heine-Preis 1988 oder gar 1999 der österreichische Bruno-Kreisky-Preis für ihre prägende Rolle in der fünfzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik. Zudem wurde sie ebenfalls 1999 zur Ehrenbürgerin der Freien und Hansestadt Hamburg ernannt.

Liebte schnelle Autos

In Vorträgen und Artikeln kommentierte Gräfin Dönhoff die politischen Fragen der Gegenwart - bezog Stellung zum Verhältnis zwischen Deutschland und den USA oder zur Apartheid in Südafrika. Selbst Kritik an Israels Palästina-Politik war für sie kein Tabu. Die zierliche Frau mit den hellblauen Augen - und einer Vorliebe für schnelle Autos - blieb unverheiratet und kinderlos. An ihrem 90. Geburtstag hatte sie zufrieden auf ihr Leben zurückgeblickt: "Ich würde alles wieder genauso machen."

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